1939/1940 Endrunde DM 4. Spieltag: 1. SV Jena - VfL Osnabrück 2:2

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Spieldaten
Wettbewerb Endrunde Deutsche Meisterschaft,
Gruppe 2
, 4. Spieltag
Saison Saison 1939/1940
Ansetzung 1. SV Jena - VfL Osnabrück
Ort Stadion am Zoo in Halle
Zeit So. 02.06.1940
Zuschauer 5.000
Schiedsrichter Kurz (Fürth)
Ergebnis 2:2 (0:1)
Tore
  • 0:1 Augustin (15.)
  • 0:2 Höner (71.)
  • 1:2 Bachmann (76.)
  • 2:2 Bachmann (88.)
Andere Spiele
oder Berichte


Aufstellungen

Trikotfarben
Trikotfarben
Trikotfarben
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Jena
Ehrenfried Patzel
Hermann Schüßler, Walter Hädicke
Bernhard Schipphorst, Kurt Beckert, Heinz Werner
Herbert Gans, Fritz Gorka, Walter Bachmann, Ludwig König, Seifert

Trainer : Tauchert

Trikotfarben
Trikotfarben
Trikotfarben
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Osnabrück
Heinz Flotho
Hans Kovermann, Frohnert
Heinz Hesse, Walter Simon, Jasper
Willi Reitzer, Matthias Billen, Adolf Vetter , Hermann Höner , Hermann Augustin

Trainer : Walter Hollstein

Hotel Goldene Kugel in Halle am Ribeckplatz

Spielbericht

Jena vergaß über der Freude am Kreiseln das Schießen - Der Mittemeister spielte, die Osnabrücker kämpften - Flotho und seine Verteidiger begeisterten

Die "Goldene Kugel" in Halle hatte am Sonntag wieder einmal bekannte Fußballgäste: die beiden Mannschaften des hallischen Gruppenmeisterschaftskampfes, Jena und Osnabrück als Kameraden treulich vereint. Gemeinsam fuhren diese Mannschaften zur schönen Platzanlage des VfL Halle 1896, auf der rund 4.000 Zuschauer mit viel Spannung die zweite Auseinandersetzung zwischen Jena uns Osnabrück erwarteten. Allgemein rechnete man mit einer Revanche des Mitte-Meisters, der bekanntlich im Vorspiel in Osnabrück mit 2:5 ziemlich derb geschlagen worden war. Gewiß, es wurde nur eine Teilrevanche für Jena und dies auch erst 2 Minuten vor dem Abpfiff. Aber doch dürfte es keinen gegeben haben, der nicht die Jenaer Mannschaft als "moralischen Sieger" bezeichnet hätte. Denn gespielt hat eigentlich nur Jena, gekämpft hat Osnabrück! Und damit ist in ganz großer Linie auch schon der Gesamteindruck dieses Meisterschaftskampfes in Halle skizziert. Die Jenaer Mannschaft zeigte einen Stil, der an Schönheit und nach dem gemessen, was man im Bereich Mitte gewöhnt ist, als beinahe unübertrefflich bezeichnet werden muß. Es gab Spielstrecken, in denen die Thüringer ab und zu sogar begannen, zu "kreiseln". Man staunte in Halle! Und doch war man nicht voll befriedigt, je länger der Kampf dauerte. Denn über allem schönen Kombinationsspiel Jenas vergaßen deren Stürmer das Schießen fast vollkommen. Dabei hatten die Thüringer gerade in der 1. HZ Gelegenheiten zum Toreschießen in Hülle und Fülle. Es schien mitunter aber so, als ob Flotho, der famose Osnabrücker Torhüter, die gegnerischen Stürmer allein schon durch seine "Anwesenheit" irritierte, ja faszinierte. Denn man wagte gegen ihn auch aus sicherster Position heraus kaum einen einzigen saftigen Schuß. Mehr hatte in diesem Abschnitt Flotho zu tun, die Bälle aufzunehmen, die ihm von seinen Vordermännern zurückgegeben wurden. Kurz und gut : wenn Jena diesen Kampf verloren hätte, wäre einzig nur die Angriffsreihe schuld gewesen. Was nützt ein technisch schönes Spiel, wenn der Sturm die ihm in erster Linie zustehende "Arbeit" versäumt, das Schießen. In den ersten 45 Minuten hätte es, ohne etwa den tapferen Osnabrückern wehe tun zu wollen, nicht etwa, wie es Tatsache wurde, 1:0 für die Niedersachsen heißen dürfen, sondern 2:0 für Jena. Immer wieder rollten Jenas Angriffe gegen Osnabrück, um - vorn und an der ganz hervorragenden Osnabrücker Verteidigung hängen zu bleiben. Es waren wirklich großartige Abwehrleistungen, die Osnabrücks Verteidigung vollbrachte. Immer wieder fuhr sie zwischen die Kombinationszüge der Jenaer, mit Fuß und Kopf und die stämmigen Kovermann und Frohnert erhielten oft genug von der Läuferreihe aus tatkräftige Unterstützung. Und hiergegen kam Jenas Angriff, dem die Wucht fehlte, die Osnabrücks Billen-Angriff eigen war, einfach nicht an. Einmal zeigte sich Frohnert als Artist, als er im Fallen fast auf dem Kopf steht, einen Ball doch noch mit den Beinen wegangelte und Bachmann um eine gute Schußmöglichkeit brachte. Ueberhaupt stand der ganze tempogeladene Kampf, der auch nicht eine Sekunde lang Langeweile aufkommen ließ, ganz im Zeichen der Osnabrücker Verteidigung, die oft genug begeisterten Beifall auf offener Szene erhielt und sich die vollen Symphathien der unparteiischen Hallenser erwarb. Als in der 27. Minute Jenas Rechtsaußen ein Tor erzielt hatte, protestierte nicht nur Torwart Flotho in der Spielfeldmitte (!) beim Unparteiischen, sondern auch das Publikum und der Linienrichter. Denn Ganz hatte, unsichtbar für den Neutralen, den Ball mit der Hand an Flotho ins Tor befördert. Einen solchen irregulären Treffer wollte man in Halle nicht anerkennen (zum Dank, das Jena das Heimspiel nach Halle abgeben mußte - Dank an Gaufachwart Hädicke!) und der Volksmeinung gab auch der Schiedsrichter nach.

Jena hatte Trauerflor angelegt und nach 15 Minuten Spielzeit wurde der Kampf mit einer Gedenkminute für Jenas im Westen gefallenen Mittelstürmer Schulschefski unterbrochen. Auch die Zuschauer ehrten das Andenken an diesen Helden durch Erheben von den Plätzen und mit dem deutschen Gruß.

Osnabrück legt ein Tor vor!

Das Spiel selbst begann mit stürmischen Angriffen Jenas, alle wunderschön eingeleitet, allerdings auf viel zu engem Raum vorgetrieben. Und bald zeigte es sich: die Spielweise Jenas mußte erfolglos bleiben, die der Niedersachsen war für einen Treffer reifer, denn die Mannen vor Flotho spielten weitmaschig, mit Steilvorlagen, die die aufgerückte Jenaer Verteidigung oft in schwere Bedrängnis brachte. Das erwies sich schon in der 15. Minute. Reitzer bekam (in Abseitsstellung) den Ball, fackelte nicht lange, gab ihn weiter zu seinem "Gegenpol" Augustin, und plötzlich hieß es 1:0 für Osnabrück. Jena wunderte sich und Halle staunte! Als Patzl einmal einen Abstoß hinter sich hatte, und langsam in seinen Kasten zurückging, knallte rechter Läufer Hesse einen Ball gegen Jenas Tor. Im "Rückzug" konnte Patzl das Leder gerade noch zur Ecke fausten. Jena brachte kein Tor zustande, König war zu langsam und Gorka "eierte" zuviel herum.

Und dann 2:0 für Osnabrück!

"Es ist alles noch drin!" Das war aller Meinung beim Seitenwechsel. Wieder stürmte Jena vor. Eine wunderschöne Kombination, von Werner eingeleitet , ergab einen Bombenschuß, der in seiner Schräge bereits an Flotho vorbei war. Da stand aber der rotblonde Hesse noch im Toreck und in allerletzter Sekunde war die Situation gerettet. Aus der Abwehr heraus fiel dann überraschend das zweite Tor für Osnabrück und Meyers Ersatzmann Höhner war es, der einen 25-Meter-Drehschuß anbrachte, den Patzl, von der Sonne geblendet, passieren lassen mußte (71. Minute). Momentweiße ließ Jena nach und Osnabrück dirigierte streckenweise. Nicht lange.

Ausgleich in der letzten Viertelstunde.

Man zählte die 76. Minute, als eine schöne Kombination zwischen Seifert-König und Bachmann durch letzteren zu einem unhaltbaren Treffer führte. Der Kampf stand 1:2 und nahm an Tempo noch zu. Ermüdungserscheinungen machten sich bei einzelnen Osnabrückern bereits bemerkbar. Aber Billen , der auf Rechtsaußen gewechselt hat, läßt nicht locker. Dieser Durchreißer hat in Halle Eindruck gemacht. Einmal schoß er hart. Patzl flog in die Ecke ..., gerade noch den Ball in der Hand. Zwei Minuten vor dem Abpfiff. Werner, der im Angriff weit nützlicher spielt als vorher in der Läuferreihe, ist es schließlich, der den längst verdienten Ausgleich vorbereitet. Seine Vorlage übernimmt Bachmann, der mit Wucht den Ball dem entgegenlaufenden Flotho - durch die Beine jagt - 2:2. Ein stimmungsvoller Abschluß. Denn der Rest interessierte die Zuschauer nicht mehr. Sie waren zufrieden mit dem Unentschieden. Bei Jena überragte Verteidiger Schüßler. Beckert als Stopper-Mittelläufer, der überaus fleißige "Polizist" Seifert und Verteidiger Hädicke gefielen weiterhin. Bei Osnabrück müssen Billen im Angriff und das gesamte Schlußdreieck lobend erwähnt werden.

(Bericht von Rudolf Otto im Kicker vom 4. Juni 1940)